Büro für innere und äussere
Angelegenheiten


Praxis für Psychologische Beratung
Samuel Althof
Froburgstrasse 21

4052 Basel



Home
Telefon: 061 311 01 41 Mobile: 078 619 33 33   
 
Internet-Streetworking, ein psychosoziales Kurzzeit-Interventionsinstrument

Was ist Internet-Streetworking?

Mein Name ist Samuel Althof.

Vor etwa vier Jahren haben meine MitarbeiterInnen und ich das Projekt Internet-Streetworking entwickelt. Wir arbeiten mit jugendlichen Internet-Usern, die sich im Internet extremistisch und/oder gewaltbereit äussern oder gegen entsprechendes geltendes Recht verstossen.

Ich stelle Ihnen dieses Projekt kurz vor.
Das Internet-Streetworking ist ein aufsuchendes psychosoziales Kurzzeit-Interventionsinstrument. Unser Vorgehen ist eklektisch unter Anwendung von Mitteln des Psychodramas, der Gestalt- und der Gesprächstherapie.

Meine MitarbeiterInnen und ich suchen das Internet täglich nach extremistischen, fremdenfeindlichen und gewaltbereiten Aussagen von Internet-Usern in Internet-Seiten und Foren ab.

Als erster Anhaltspunkt für einen möglichen Beginn einer Internet-Streetworking-Intervention erstellen wir ein Profil des Autors oder der Autorin einer rechtsextremen Internetseite, respektive Forumauftritts. Wir versuchen die postulierten Inhalte der Aussagen zu verstehen und den/die Autor/-in personell zu identifizieren.

Was heisst „den Inhalt der Aussagen zu verstehen“?
Der Verfasser einer Internetseite "spricht" mit Text, mit Bildern, mit Animationen und Musik, mit Gestaltung und mit seinem technischem Know-How.
Er hinterlässt damit Botschaften betreffs seiner Selbstdefinition als Rechtsextremer, dem auf seiner Internetseite dargestelltem Weltbild und damit auch wichtige Hinweise auf mögliche Selbst-Unsicherheiten.

Das bedeutet:
Wir schauen, ob es sich beim Autor um einen symptomatischen oder um einen programmatischen Rechtsextremen handelt.
Ein symptomatischer Rechtsextremer sucht mit provokativen, pervertierten Mitteln z.B. nach Aufmerksamkeit, Abgrenzung, narzisstischer Kompensation aber – und das ist wichtig – auch nach Dialog!
Ein programmatischer Rechtsextremer ist in seiner Ideologie gefestigt und kein Klient innerhalb dieses akdh-Interventionsprojekts.

Was sind die Kriterien der Beobachtung?
Alle Äusserungen seines Internetauftritts, seine Kontakte und Inhalte die er austauscht, wenn nötig und möglich sein persönliches Umfeld, eine mögliche psychische Erkrankung und wir schätzen eine mögliche Selbst- oder Fremdgefährdung ein.
Stellen wir also eine Symptomatik fest, die ich hier kurz als „pervertierte Kontaktaufnahme mittels rechtsextremer Provokation“ umschreibe, gibt es verschiedene Möglichkeiten der Intervention.

Grundsätzlich suchen wir nach einer geeigneten Form der Kommunikation:
• Wir nehmen mit dem sich anonym wähnenden Autor mit einem Pseudonym Kontakt auf, um weitere Kriterien für die Erstellung des Autorenprofils zu erhalten.
• Anonyme Kommunikation setzen wir jedoch auch als autonomes Mittel der Verständigung ein: Diese Form kann zu sehr deutlichen und wichtigen Auseinandersetzungen führen. Dazu später etwas detaillierter.
• Als Interventionsmöglichkeit kann indessen – je nach Situation – durchaus auch adäquat sein zusätzlich mit strafrechtlichen Massnahmen gegen die Autorenschaft vorzugehen oder solche anzukünden.
• Es kommt auch vor, dass jemand aus dem Umfeld eines Rechtsextremen auf uns zukommt und uns auf ihn aufmerksam macht. Dann haben wir die Möglichkeit zusätzlich, über Zweit- und Drittpersonen mit ihm zu kommunizieren.

Der erste Schritt: Die anonyme Kontaktaufnahme
Wenn wir den Autor identifiziert haben und unsere Abklärungen zeigen, dass eine Internet-Streetworking-Intervention möglich und sinnvoll ist, informieren wir bei Minderjährigen immer die Eltern. In einem ersten Schritt geschieht dies aus Sicherheitsgründen in der Regel anonym.

Wenn eine erste Intervention bei einem Jugendlichen schwerwiegende Konflikte auslöst, steht ihm eine Telefonnummer zur Verfügung, über die er rund um die Uhr (!) den Internet-Streetworker erreichen kann. Wir geben je nach Fall auch nicht identifizierbare Nummern.

Z i e l dieses ersten Schrittes ist es, mit dem Autor in einen Dialog zu treten und ihn kritisch mit seinen Inhalten zu konfrontieren. Schwerpunkt sind in dieser Phase Fragen über Ursachen und Motive, die ihn zu den rechtsextremen Standpunkten führten. Wir versuchen bei ihm Sensibilität für andere Standpunkte zu wecken und so etwas wie eine kleine Plattform des Vertrauens zu entwickeln.
Ein wichtiger Faktor in dieser Art der Begegnung ist, dass wir vom Internet-Streetworking-Team wissen wer unser Klient ist, er aber nicht weiss, wer der Internet-Streetworker ist. An diesem „Geheimnis“ zeigt der Betroffene meist sehr grosses Interesse.
Dies ist eine wichtige Konfiguration für das Gelingen der Intervention: Dem Jugendlichen wird in Aussicht gestellt, dass dieses „Geheimnis“ später und nur in einer persönlichen Begegnung gelüftet wird! Damit schaffen wir dem Klienten eine Option, sich aus der Cyberwelt zu lösen hin in die Tagesrealität und damit auf sich selbst zu zu bewegen.

Der zweite Schritt: Die Begegnung
Mit dem persönlichen Treffen macht der Jugendliche einen wichtigen Schritt.
• Er kommt aus der Anonymität heraus. Es geschieht aber mehr:
• Das Treffen findet mit dem Internet-Streetworker statt, also mit einer Person aus der Aktion Kinder des Holocaust, akdh. Dies wiederum bedeutet, dass er sich mit einer jüdischen oder einer für ihn als jüdisch erscheinenden Person trifft.
Damit schreitet er über seine eigenen rechtsextremen Wertvorstellungen hinaus. In diesem Moment passiert nichts anderes als Normalität. Der innere Ausnahmezustand wird beendet, die Normalität beginnt. Genau darin liegt ein Teil der Wirksamkeit unserer Arbeit: im Praktizieren von Normalität mittels einem Dialog über Alltagsthemen.
Allerdings: Wir sprechen nicht über Politik. Die Begegnung soll in einem Feld möglichst frei von Ideologie stattfinden; oder anders gesagt an einem Ort, in welchem der Klient nicht durch seine Symptomatik belastet ist. Wir begegnen uns einfach als Menschen. Und diese Begegnung hat Wirkung.

Wichtig für die Begegnungen:
• Ich begegne einem symptomatischen Rechtsextremen niemals ideologisch, denn damit würde ich ihn in die Defensive drängen. Ich gäbe ihm damit die Möglichkeit sein Symptom neu aufzubauen, indem ich dieses als wichtig werte.
Ich habe das Interesse, ihm da zu begegnen, wo er als Mensch steht, wo er dann plötzlich z.B. von seinem abwesenden Vater zu erzählen beginnt, von seiner Mutter, die einen neuen Partner hat, – eben von seinen echten Problemen, die ihn in seinem täglichen Leben beschäftigen.
Und hier beginnt wesentlichste Teil der Arbeit mit dem Jugendlichen.

• Unsere Begegnungen mit den Betroffenen selbst sind immer wertneutral der Person gegenüber. Auch wenn jemand schlimme Sachen sagt, gehen wir grundsätzlich von der Integrität der Person aus.
Z i e l e des zweiten Schrittes:
• Das Problem des symptomatischen Rechtsextremismus im Internet muss grundsätzlich in die Realität rückübersetzt werden. Der Konflikt muss auf dem Boden der Realität verstanden, analysiert und durchgearbeitet werden. Das ist es, was wir letztlich machen. Darum suchen wir zu unseren Klienten immer die persönliche Begegnung. Beinahe alle Klienten, die von uns im Internet-Streetworking? angegangen wurden, kennen wir persönlich.
- Dies zeigt die Grenzen des anonymen Dialogs im Internet auf: Die Intervention wird nämlich dort sinnlos, wo sie auf der Schwelle von der Cyberwelt zur Alltagsrealität hängen bleibt und das im Internet postulierte Symptom, nicht in der Alltagsrealität bearbeitet werden kann.

Entscheidend:
Wenn es also nicht gelingt, den Kontakt zu der Person hinter der Provokation herzustellen, war die Prävention nicht erfolgreich. Die reale zwischenmenschliche Begegnung ist das Zentrale im Internet-Streetworking?. Das Internet dient eigentlich nur als Vehikel auf diesem Weg.
Was werten wir als einen Erfolg?
Wir werten es als einen Erfolg, wenn der Jugendliche auf die Anwendung provokativer Mittel als Kontaktaufnahme verzichtet: also wenn wir einen Rückgang oder Verschwinden des Symptoms „pervertierte Kontaktaufnahme mittels rechtsextremer Provokation“ feststellen.
Ein weiterführender Erfolg ist aus unserer Sicht dort gegeben, wo es gelingt, dass jemand sich kritisch mit sich selbst auseinandersetzen lernt, also Distanz zu seiner Symptomatik zu entwickeln beginnt.

Es gibt in unserer Arbeit auch Rückfälle und Misserfolge: Das gehört genauso zur unserer Arbeit.

Wir streben grundsätzlich immer eine Zusammenarbeit mit den Beratungsstellen vor Ort an.

Zusammenarbeit mit Internetprovidern
Im Laufe der Zeit hat sich eine gut funktionierende Zusammenarbeit mit verschiedenen Internet-Providern in der Schweiz wie auch im Aussland entwickelt, die wenn nötig schnell zur Löschung von Hass-Seiten führt.

Die Ergebnisse unserer Arbeit stellen wir der Forschung zur Verfügung.

Links:

Internet-Streetworking Meldeseite:
http://homepage.swissonline.ch/flexscan/

Internet-Streetworking Fallbeispiele:
http://www.trafo.de.vu/

Aktion Kinder des Holocaust
http://www.akdh.ch

© Internet-Streetworking ist eine beim Eidgenössischen Institut für Geistiges Eigentum registrierte E-Trademark Nr. 50111/2003 -- 509488

©Samuel Althof